Textatelier
BLOG vom: 13.05.2008

Augusta Raurica: Verführung Spätberufener zu Gladiatoren

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Wie wird man Gladiator? Man entscheidet sich als Jugendlicher für den Beruf ,Gladiator’. Kriegsgefangene, Verbrecher oder Sklaven werden gezwungen, als Gladiatoren zu kämpfen. Nur Söhne aus reichen Familien werden Gladiatoren.“
 
Auf dem Ausgrabungsgelände von Augusta Raurica (Augst BL) gibt es die Hinweistafel, von der das obige Zitat stammt. Darauf erklärt der Gladiator Marcus allen Interessenten schriftlich, was ein Gladiator ist: „Gladiatoren sind ausgebildete Kämpfer, die in speziellen Ausrüstungen gegeneinander antreten. In den Kämpfen geht es um Leben und Tod.“
 
In einem Anfall von wiedererwachter jugendlicher Begeisterungsfähigkeit eilte ich (71) nach dem Studium dieser Informationen zum Empfang im Römermuseum, wo ich die freundliche Brigitte Löliger fragte, ob es Kurse für spätberufene Gladiatoren-Anwärter gebe und ob man sich gleich anmelden könne. Nachdem sie nach einem musternden Blick auf meine Postur ihre Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und wieder zur seriösen Beratung der Kundschaft zurückgefunden hatte, erinnerte sie sich daran, dass es in Rom noch immer eine Gladiatorenschule gebe. Bei Fortuna! Am Römerfest 2008 in Augst vermittelt Patrik Pflöstl, Primarlehrer in Cham, eine Einführung ins Gladiatorentum; das ging im letzten Jahr 2007 so weit, dass sich einer der Nachwuchs-Gladiatoren sogar am Ohrläppchen verletzte – ohne etwas Blut läuft in dieser Branche selbstverständlich nichts.
 
An der Via Appia Antica in Rom hat Russell Crowe, Hauptdarsteller im Hollywood-Sandalenfilm „Gladiator“, 2001 eine Gladiatorenschule inspiriert, wobei mit stumpfen Schwertern und in Rüstungen aus Eisen und Leder geübt wird, bei Beachtung gewisser Sicherheitsmassnahmen also, auf dass nach der einjährigen Ausbildung noch etwas lebensfrisches Gladiatoren-Material für historisierende Strassenfeste und Schaukämpfe zur Verfügung stehe. Den Durst löscht man sich in jener Schule mit Mulsum-Wein. Übrigens gibt es auch in Hamburg eine Gladiatoren-Ausbildungsstätte (www.ludus-nemesis.eu). Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall: Angeblich fallen die Damen beim Anblick von eingeölten Muskulaturen von Gladiatoren nach wie vor in Entzückung. Schon Juvenal erzählte von einem gealterten Kämpfer, dessen Faszination sogar eine noble Senatorengattin erlegen sein soll: „Er war Gladiator, und das macht gleich zum Adonis.“ Der Weg zum Mister Schweiz wäre dann wohl kurz.
 
Ich will mir das noch einmal überlegen, zumal mir einige entscheidende Voraussetzungen abhanden gekommen sind, vor allem die Jugendlichkeit. Vor allem hinsichtlich des Sinnbilds der Schönheit wären da doch einige wenige Vorbehalte zu machen. Um solche Mängel zu retouchieren, marschierte ich am Montag, 5. Mai 2008, schnellen, strammen Schritts im ausgedehnten Bereich der ehemaligen Römerstadt von Augusta Raurica umher, bei nicht nachlassender Aufmerksamkeit. Ein gewisses Körpertraining im Hinblick auf einen (noch) athletischeren Körper.
 
Tagesfüllendes Programm
Eine einigermassen vollständige Besichtigung von Augusta Raurica, dieser ältesten römischen Kolonie auf dem ausgedehnten Gelände im Grenzbereich der Kantone Aargau und Baselland am Rhein erfordert schon einen ganzen Tag. Dem Namen nach war dies die erhabene, kaiserliche Stadt im Land der Rauracher (Rauriker, einem keltischen Stamm, der den Raum des heutigen Basel bewohnte). Die über 140 000 Besucher pro Jahr, darunter unzählige Schulklassen, können im restaurierten besterhaltenen römischen Theater Einsitz nehmen (und sich etwas ausruhen), sich neben vielen alten, gut beschrifteten Ruinen wie vor 2000 Jahren fühlen, in einem römischen Backofen Brot aus Vollkornmehl, Wasser, Salz, Honig oder Zucker und Hefe backen, im Römerhaus den kargen Lebensstil von damals kennen lernen oder den teilweise rekonstruierten Silberschatz, den grössten der Spätantike, bewundern. Er lehrt, dass selbst ein kunstvoll verarbeitetes Edelmetall vor dem nagenden Zahn der Zeit nicht verschont bleibt. Doch wird das hohe Alter durch die Beschädigungen wie Risse erst recht erkennbar, wie bei uns Menschen auch, eine zusätzliche Faszination, wenn nicht Salben von L’Oréal alles zunichte machen. Die Schalen, bestes Silberschmiede-Handwerk, wurden manchmal als Gastgeschenke mitgebracht.
 
Das zentrale Ereignis von Augusta Raurica ist der Bereich Römerhaus/Museum beim Theater und dem Schönbühl-Hügel, in dem einst vergebens nach einem Schatz gesucht worden war. Zu diesem Konglomerat von Sehenswertem gehört auch das Hauptforum mit Tempel, Basilica und Curia bzw. das, was davon noch hinterblieben ist. Die Fassade des ehemaligen Roma- und Augustus-Tempels auf dem Hauptforum ist mit einer Holzkonstruktion markiert. Seit Ende August 2000 ist eine Badeanlage mit einen 12 m langen Tunnel und einem unterirdischen Brunnenhaus (Sodbrunnen) zugänglich; am Kiosk des Museums ist eine Schrift „Baden, Salben und Heilen in der römischen Antike“ von Werner Heinz erhältlich, falls jemand Nutzen aus dem traditionsreichen Schmieren und Salben ziehen will, das allenthalben hilft. Man erfährt, wie mit doppelbödigen Hypokastenheizungen die Badehäuser zum Kochen gebracht worden sind.
 
In etwas grösserer Entfernung sind das Amphitheater, der römische Geschichtspfad („Von Romulus bis Divico“) mit vielen chronologisch angeordneten Orientierungstafeln am A2-Autobahndamm (2 km vor der Raststätte Pratteln-Nord) und der römische Tierpark angeordnet, wo sich Nera-Verzasca-Ziegen im Schatten Deckung suchten. Dort sind auch das Osttor (Eingang der von Vindonissa herbeiführenden Strasse), ein Panorama-Pavillon und ein kreisrundes Grabmonument. Ein Fussweg führt zum Kastell am Rheinufer, am Bahnhof von Kaiseraugst AG vorbei. Eine ausgezeichnete und ausführliche Beschreibung der gesamten Anlage ist übrigens im „Führer durch Augusta Raurica“ von Ludwig Berger (auf der Basis des Werks von R. Laur-Belart), herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, 1998), nachzulesen.
 
Die neue Römer-Blütezeit weitab von Italien
Beim Römermuseum traf ich Heinz Scholz aus Schopfheim D; mein hochgeschätzter Mit-Blogger ist geschichtlich interessiert und kennt Augusta Raurica seit langem bis in die hintersten Schwitzkammerecke. Doch staunte auch er, wie sehr dieses Augusta Raurica wieder einer neuen Blütezeit entgegenzueilen scheint. Ständig wird Neues aus dem Dunkel der Vergangenheit gegrübelt. Oliver Gorzolka zeigte und erklärte uns einige Attraktionen im Römerhaus und erklärte das spartanische Leben von damals. Die Innenräume hätten eine Bemalung mit Natur- statt Synthetikfarben verdient.
 
Heinz und ich steuerten gemeinsam einige Ziele an, so das römische Handels- und Gewerbehaus aus dem 2. Jahrhundert neben der von Basel nach Rheinfelden führenden Kantonsstrasse, unter der die römische Fernverbindung Gallien-Rätien liegt und 1983/85 eine ehemalige Gastwirtschaft mit Geschäftsraum (Caupona) und die Gewerbehalle einer Tuchwalkerei (Fullonica) ausgegraben und mit einem Schutzbau überdeckt wurden. Die 2 aneinander gebauten Gebäude, in denen diversifizierte Betriebe etabliert waren, brannten im 3. Jahrhundert ab. Jetzt sind wieder Bauarbeiten im Gange; das Haus ist eingerüstet und mit Blachen bedeckt. Im Hausinnern ist eine Hypokaustenheizung freigelegt, und 3 grosse neue Holzbottiche sind im Parterre zu treffen, wahrscheinlich als Bestandteile der Badeanlage. Die Römerzeit wird wieder heraufbeschworen – und zwar nicht nur in Form von Steinbergen und Scherben.
 
Aktuelle Grabung
Ganz in der Nähe des Bahnhofs Kaiseraugst, am Buebechileweg, kamen wir unverhofft an einer Notgrabung unter gewölbten Schutzzelten vorbei. Mit kleinen, dreieckigen Maurerkellen wurde das Material abgekratzt und mit Staubsaugern entfernt. Ein kleiner Wasserkanal, der dem Rhein zusteuerte, war bereits freigelegt, und die losen Steine wurden mit Zement neu verfugt. Neben einer Strasse muss hier ein Wohnhaus mit Portikus (Säuleneingang, Vorhalle) gestanden haben. Die Archäologen wie der Baselbieter Grabungstechniker Lukas Grolimund unterhielten sich darüber, ob der Kanal oder die Hausmauer zuerst da war. Aufgrund einer Russschicht kann angenommen werden, dass auch dieses Haus durch einen Brand zerstört wurde. Ich erhielt eine Ahnung davon, wie mit kriminalistischem Gespür aufgrund von Indizien nach der historischen Wahrheit gesucht werden muss.
 
Vom Blühen und Zerfallen
Augst BL und Kaiseraugst AG stehen auf den Überresten einer ehemaligen römischen Koloniestadt, die auch ein Militärstützpunkt war, und in der vor rund 2000 Jahren an die 20 000 Menschen wohnten, und so sind denn Funde im Boden die Regel. Wie in Vindonissa (bei Brugg AG) spielte auch bei der Wahl dieses Standorts die günstige Verkehrslage eine Rolle. Beim Kastell gab es einen Rheinübergang als Fortsetzung einer geradlinig verlaufenden Strasse. Damit lag Augusta Raurica am Knotenpunkt von 2 wichtigen Verkehrsrouten: der Süd-Nord-Verbindung von Italien über den Grossen St. Bernhard ins Rheintal einerseits und der West-Ost-Verbindung von Gallien an die obere Donau nach Rätien anderseits – heute sind wichtige Autobahn- und Eisenbahnstrecken ebenfalls hier. In Augusta Raurica, das selber ein wichtiges Wirtschafts- und Handelszentrum war, passierte ein grosser Teil des Waren- und Personenverkehrs den Rhein.
 
Augusta Raurica wurde wahrscheinlich im Jahr 44 vor unserer Zeitrechnung gegründet, und die Bautätigkeit dürfte um 15 bis 19 v. u. Z. unter Kaiser Augustus, dem „göttlichen Kaiser“, begonnen haben. Ihre Blütezeit hatte diese Colonia Paterna Munatia Felix Apollinaris Augusta Emerita Raurica um etwa 150‒200 n. u. Z. Damals bestanden eine Ober- und Unterstadt mit einer Ausdehnung von zirka 106 Hektaren (Quelle: Augster Museumshefte 31: „Panorama Augusta Raurica“, August 2001). Damals, im 2. Jahrhundert, hatte das Imperium Romanum seine grösste Ausdehnung, als die Provinzen Dacia und Arabia eingerichtet und Armenien, Assyrien und Mesopotamien unter Trajan (98‒117) vorübergehend erobert wurden. Als ich am römischen Geschichtsweg die entsprechende Karte anschaute, spazierte darauf gerade eine Eintagsfliege von Britannia (dem heutigen Südengland) dem Mittelmeer zu – ein Klacks in diesem Karten-Massstab und bei einsprechender Raffung der Jahrhunderte – und die Geschichte ist ebenso flüchtig wie die Fliege.
 
Irgendwann ist es mit jeder Herrlichkeit zu Ende. In der Mitte des 3. Jahrhunderts zerstörte ein starkes Erdbeben grosse Teile der blühenden Stadt; sogar ein Teil des Theaters stürzte ein. Die Germanen, die den römischen Grenzwall im Norden (dem heutigen Deutschland) durchbrochen hatten, fielen um 273/75 ein, und interne Reichswirren im Jahr 275 setzen der Anlage zusätzlich zu. Die Oberstadt zerfiel, viele Bewohner zogen ein paar hundert Meter rheinwärts und bauten das Kastell Kaiseraugst (Castrum Rauracense) als schützende Befestigungsanlage, die um etwa 300 vollendet war. Vor hier aus wurde ein grosser Abschnitt der Reichsgrenze gesichert. Das Christentum erhielt Oberhand.
 
313 stellte Kaiser Constantin I. das Christentum fatalerweise den übrigen römischen Kulten gleich, und 391 wurde es durch Kaiser Theodosius I. zur Staatsreligion erklärt; da es hier keine Toleranz mehr gab, wurden „heidnische“ Kulte verboten und deren Heiligtümer verwüstet. In zahlreichen Städten etablierten sich Bischöfe. Der „wahre Glaube“ setzte sich gegen die Heiden durch … In Kaiseraugst tauchten bauliche Hinweise auf eine Christengemeinde erst im frühen 5. Jahrhundert auf. Um 400 war auf dem Friedhof beim Kastell mit der über 8 m hohen und etwa 4 m dicken Mauer eine kleine Memoria entstanden, ein Gedächtnisbau mit Apsis. Verschiedene Attribute des christlichen Toten- und Leidenskults wie eine Grabkirche, Grabstelen mit Kreuzzeichen und das Deckplattengrab mit Tragekreuz aus dem Kaiseraugster Kastellfriedhof gehören ins 7. Jahrhundert. Das Christentum bedeutete für das Alte Rom das Amen.
 
Die Störche auf dem Kirchturm
Zurück in die Gegenwart: Den besten Beobachtungsposten hält seit Jahren eine Weissstorch-Familie auf dem Kirchturm der christkatholischen Pfarrkirche Kaiseraugst, deren Grundmauern fast bis in die Römerzeit (4. oder 5. Jahrhundert) zurückreichen. Daraus ist zu erkennen, dass auch Kirchtürme neben der Anzeige der vergänglichen Zeit einen Nutzen haben können. Ein ausgewachsener Adebar als Glücks- und Kinderbringer zog wie ein Segelflugzeug seine Kreise über Kaiseraugst, als wir uns im Garten der „Sonne“ kurz vor dem Austrocknen an einem Glas Feldschlösschen-Bier erlabten. Es war kein römisches Bier (Cervisia), was uns weiter nicht störte, da die Römer eher dem Wein zugetan waren und wir ohnehin wieder aus der römischen Antike in die Gegenwart zurückkehren mussten.
 
Wir sprachen vom heutigen Italien, vom wieder auferstandenen Diktatoren und Cäsaren Silvio Berlusconi, von der Mafia und von der Müllkrise in Neapel und Umgebung und stellten fest, dass der römische Staat immer wieder von Ungemach erschüttert wurde. Und vielleicht werden ums Jahr 4000 die Abfallberge im heutigen Kampanien ebenfalls begehrte Objekte der Archäologen sein. Wie sagt man doch so schön, wenn immer man nicht mehr weiter weiss: Lassen wir das einmal so stehen. Wie den Müll auch.
 
Hinweise
Eintrittspreis ins Römermuseum: 5 bzw. 7 CHF.
Der Besuch der Aussenanlagen ist kostenlos.
 
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